Saturday, 21 February 2015

Rainer Maria Rilke (1875-1923), Duineser Elegien, Die siebente Elegie


DEUTSCH
Die siebente Elegie

[709] Werbung nicht mehr, nicht Werbung, entwachsene Stimme,
sei deines Schreies Natur; zwar schrieest du rein wie der Vogel,
wenn ihn die Jahreszeit aufhebt, die steigende, beinah vergessend,
daß er ein kümmerndes Tier und nicht nur ein einzelnes Herz sei,
das sie ins Heitere wirft, in die innigen Himmel. Wie er, so
würbest du wohl, nicht minder –, daß, noch unsichtbar,
dich die Freundin erführ, die stille, in der eine Antwort
langsam erwacht und über dem Hören sich anwärmt, –
deinem erkühnten Gefühl die erglühte Gefühlin.

O und der Frühling begriffe –, da ist keine Stelle,
die nicht trüge den Ton der Verkündigung. Erst jenen kleinen
fragenden Auflaut, den, mit steigernder Stille,
weithin umschweigt ein reiner bejahender Tag.
Dann die Stufen hinan, Ruf-Stufen hinan, zum geträumten
Tempel der Zukunft –; dann den Triller, Fontäne,
die zu dem drängenden Strahl schon das Fallen zuvornimmt
im versprechlichen Spiel.... Und vor sich, den Sommer.[709]
Nicht nur die Morgen alle des Sommers –, nicht nur
wie sie sich wandeln in Tag und strahlen vor Anfang.
Nicht nur die Tage, die zart sind um Blumen, und oben,
um die gestalteten Bäume, stark und gewaltig.
Nicht nur die Andacht dieser entfalteten Kräfte,
nicht nur die Wege, nicht nur die Wiesen im Abend,
nicht nur, nach spätem Gewitter, das atmende Klarsein,
nicht nur der nahende Schlaf und ein Ahnen, abends...
sondern die Nächte! Sondern die hohen, des Sommers,
Nächte, sondern die Sterne, die Sterne der Erde.
O einst tot sein und sie wissen unendlich,
alle die Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen!

Siehe, da rief ich die Liebende. Aber nicht sie nur
käme... Es kämen aus schwächlichen Gräbern
Mädchen und ständen... Denn, wie beschränk ich,
wie, den gerufenen Ruf? Die Versunkenen suchen
immer noch Erde. – Ihr Kinder, ein hiesig
einmal ergriffenes Ding gälte für viele.
Glaubt nicht, Schicksal sei mehr, als das Dichte der Kindheit;
wie überholtet ihr oft den Geliebten, atmend,
atmend nach seligem Lauf, auf nichts zu, ins Freie.

Hiersein ist herrlich. Ihr wußtet es, Mädchen, ihr auch,
die ihr scheinbar entbehrtet, versankt –, ihr, in den ärgsten
Gassen der Städte, Schwärende, oder dem Abfall[710]
Offene. Denn eine Stunde war jeder, vielleicht nicht
ganz eine Stunde, ein mit den Maßen der Zeit kaum
Meßliches zwischen zwei Weilen –, da sie ein Dasein
hatte. Alles. Die Adern voll Dasein.
Nur, wir vergessen so leicht, was der lachende Nachbar
uns nicht bestätigt oder beneidet. Sichtbar
wollen wirs heben, wo doch das sichtbarste Glück uns
erst zu erkennen sich giebt, wenn wir es innen verwandeln.

Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser
Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer
schwindet das Außen. Wo einmal ein dauerndes Haus war,
schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichem
völlig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne.
Weite Speicher der Kraft schafft sich der Zeitgeist, gestaltlos
wie der spannende Drang, den er aus allem gewinnt.
Tempel kennt er nicht mehr. Diese, des Herzens, Verschwendung
sparen wir heimlicher ein. Ja, wo noch eins übersteht,
ein einst gebetetes Ding, ein gedientes, geknietes –,
hält es sich, so wie es ist, schon ins Unsichtbare hin.
Viele gewahrens nicht mehr, doch ohne den Vorteil,
daß sie's nun innerlich baun, mit Pfeilern und Statuen, größer![711]
Jede dumpfe Umkehr der Welt hat solche Enterbte,
denen das Frühere nicht und noch nicht das Nächste gehört.
Denn auch das Nächste ist weit für die Menschen. Uns soll
dies nicht verwirren; es stärke in uns die Bewahrung
der noch erkannten Gestalt. – Dies stand einmal unter Menschen,
mitten im Schicksal stands, im vernichtenden, mitten
im Nichtwissen-Wohin stand es, wie seiend, und bog
Sterne zu sich aus gesicherten Himmeln. Engel,
dir noch zeig ich es, da! in deinem Anschaun
steh es gerettet zuletzt, nun endlich aufrecht.
Säulen, Pylone, der Sphinx, das strebende Stemmen,
grau aus vergehender Stadt oder aus fremder, des Doms.

War es nicht Wunder? O staune, Engel, denn wir sinds,
wir, o du Großer, erzähls, daß wir solches vermochten, mein Atem
reicht für die Rühmung nicht aus. So haben wir dennoch
nicht die Räume versäumt, diese gewährenden, diese
unseren Räume. (Was müssen sie fürchterlich groß sein,
da sie Jahrtausende nicht unseres Fühlns überfülln.)
Aber ein Turm war groß, nicht wahr? O Engel, er war es, –
groß, auch noch neben dir? Chartres war groß –, und Musik
reichte noch weiter hinan und überstieg uns. Doch selbst nur[712]
eine Liebende –, oh, allein am nächtlichen Fenster....
reichte sie dir nicht ans Knie –?
Glaub nicht, daß ich werbe.
Engel, und würb ich dich auch! Du kommst nicht. Denn mein
Anruf ist immer voll Hinweg; wider so starke
Strömung kannst du nicht schreiten. Wie ein gestreckter
Arm ist mein Rufen. Und seine zum Greifen
oben offene Hand bleibt vor dir
offen, wie Abwehr und Warnung,
Unfaßlicher, weitauf.[713]





ENGLISH
THE SEVENTH ELEGY

Not wooing, no longer shall wooing, voice that has outgrown it,
be the nature of your cry, but instead, you would cry out as purely as a bird
when the quickly ascending season lifts him up, nearly forgetting
that he is a suffering creature and not just a single heart
being flung into brightness, into the intimate skies. Just like him
you would be wooing, not any less purely—, so that, still
unseen, she would sense you, the silent lover in whom a reply
slowly awakens and, as she hears you, grows warm,—
the ardent companion to your own most daring emotion.
Oh and springtime would hold it—, everywhere it would echo
the song of annunciation. First the-small
questioning notes intensified all around
by the sheltering silence of a pure, affirmative day.
Then up the stairs, up the stairway of calls, to the dreamed-of
temple of the future—; and then the trill, like a fountain
which, in its rising jet, already anticipates its fall
in a game of promises. . . . And still ahead: summer.
Not only all the dawns of summer—, not only
how they change themselves into day and shine with beginning.
Not only thee days, so tender around flowers and, above
around the patterned treetops, so strong, so intense.
Not only the reverence of all these unfolded powers,
not only the pathways, not only the meadows at sunset,
not only, after a late storm, the deep-breathing freshness,
not only approaching sleep, and a premonition . . .
but also the nights! But also the lofty summer
nights, and the stars as well, the stars of the earth.
Oh to be dead at least and know them endlessly,
all the stars: for how, how could we ever forget them!
Look, I was calling for my love. But not just she
would come . . . Out of their fragile graves
girls would arise and gather . . . For how could I limits
the call, once I called it? These unripe spirits keep seeking
the earth.—Children, one earthly Thing
truly experienced , even once, is enough for a lifetime.
Don't think that fate is more than the density of childhood;
how often you outdistanced the man you loved, breathing, breathing
after the blissful chase, and passed on into freedom.
Truly being here is glorious. Even you knew it,
you girls who seemed to be lost, to go under - in the filthiest
streets of the city, festering there, or wide open
for garbage. For each of you had an hour, or perhaps
not even an hour, a barely measurable time
between two moments—, when you were granted a sense
of being. Everything. Your veins flowed with being.
But we can so easily forget what our laughing neighbor
neither confirms nor envies. We want to display it,
to make it visible. We want to display it,
to make it visible, though even the most visible
happiness can't reveal itself to us until we transform it, within.
Nowhere, Beloved, will world be but within us. Our life
passes in transformation. And the external
shrinks into less and less. Where once an enduring house was,
now a cerebral structure crosses our path, completely
belonging to the realm of concepts, as though it still stood in the brain.
Our age has built itself vast reservoirs of power,
formless as the straining energy that it wrests from the earth.
Temples are no longer known. It is we who secretly save up
these extravagances of the heart. Where one of them still survives,
a Thing that was formerly prayed to, worshipped, knelt before—
just as it is, it passes into the invisible world.
Many no longer perceive it, yet miss the chance
to build it inside themselves now, with pillars and statues: greater.
Each torpid turn of the world has such disinherited ones,
to whom neither the past belongs, nor yet what has nearly arrived.
For even the nearest moment is far from mankind. Though we
should not be confused by this, but strengthened in our task of preserving
the still-recognizable form.— This once stood among mankind,
in the midst of Fate the annihilator, in the midst
of Not-Knowing-Whither, it stood as if enduring, and bent
stars down to it from their safeguarded heavens. Angel,
to you I will show it, there! in your endless vision
it shall stand, now finally upright, rescued at last.
Pillars, pylons, the Sphinx, the striving thrust
of the cathedral, gray, from a fading or alien city.
Wasn't all this a miracle? Be astonished, Angel, for we
are this, O Great One; proclaim that we could achieve this, my breath
is too short for such praise. So. after all, we have not
failed to make use of these generous spaces, these
spaces of ours.. (How frighteningly great they must be,
since thousands of years have not made them overflow with our feelings.)
But a tower was great, wasn't it? Oh Angel, it was—
even when placed beside you? Chartres was great—, and music
reached still higher and passed far beyond us. But even
a woman in love—, oh alone at night by her window. . . .
didn't she reach your knee—?
                                                  Don't think that I'm wooing.
Angel, and even if I were, you would not come. For my call
is always filled with departure; against such a powerful
current you cannot move. Like an outstretched arm
is my call. And its hand, held open and reaching up
to seize, remains in front of you, open
as if in defense and warning,
Ungraspable One, far above.

(Translation by Stephen Mitchell)


Nguồn:

http://www.magyarulbabelben.net/works/de/Rilke,_Rainer_Maria-1875/Duineser_Elegien_-_Die_Siebente_Elegie  
http://nadanientenadaniente.blogspot.fr/2014/02/rilke-seventh-elegy.htm





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